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ALL-Architekten Landenberger Lösekrug Berlin

Kulturbibliothek des Saarlandes in Saarbrücken


Beschränkter Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren - 1. Preis

Wettbewerbsentscheidung: Januar 2010
Ort: Saarbrücken
Art: Neubau

Erläuterungstext

Städtebau
Der Bautypologie der Ensemblebauten (Neue Galerie, Pflegeheim, Musikhochschule) wird auf dem nördlichen Saarufer durch den Neubau der Kulturbibliothek ein weiteres Ensemble hinzugefügt. Die denkmalgeschützten Gebäude 17 und 19 werden, um einen Baukörper ergänzt, der bewusst freigestellt und nicht angebaut ist. Durch einen respektvollen Abstand ist unser Entwurf kein Anbau sondern einen Erweiterungsbau, der dem denkmalgeschützten Haus 17 seine Eigenständigkeit belässt und einen harmonischen Dreiklang aus funktional verbundenen Einzelbaukörpern entlang der Bismarckstraße erzeugt. Der "Fußabdruck" des Neubaus entspricht dabei den Vorgaben des Baufensters bzw. der Maximalkubatur. Die Straßen- und Hoffluchten von Haus 17 sind dabei maßgebend, so dass der neue Baukörper 14 m lang und 14,50 m tief ist. Lediglich in westlicher Richtung neigt er sich in den Obergeschossen bis zu 1 m aus der Maximalkubatur heraus. Mit dieser Geste unterstreicht die Kulturbibliothek selbstbewusst ihre städtebauliche und ideelle Position auf der Kulturmeile Saar. Der sich anschließend bildende Freiraum wird gleichzeitig eröffnet und aufgefangen. Der Baukörper öffnet sich mit seinen Fensterflächen zur Saar und nach Westen zu diesem Freiraum und lässt Möglichkeit für Einblicke von außen.

Funktionsabläufe
Ein gemeinsames ebenerdiges Foyer zwischen Verwaltungsbau und neuer Bibliotheksfunktion ist gleichzeitig Sichtachse zur Saar und könnte zukünftig landschaftsplanerisch ausformuliert werden. Es gewährleistet die unabhängige Benutzung und Abgeschlossenheit beider Häuser. Der Verwaltungsbau wird über die schon jetzt vorhandene Erschließung ebenerdig durch eine Doppeltür angebunden.
Vom Foyer aus kann man alle Lesebereiche durchblicken, die überschneidung von Raumhöhen ermöglicht durch die Glaswände sowohl den Blick in den Lesesaal 1, der sich über zwei Geschosse bis ins Untergeschoß erstreckt, als auch den Blick nach oben in Lesesaal 2 und über Treppen sogar bis in Lesesaal 3. Die 4 Ebenen Freihandbereich sind über Freitreppen und Galerien miteinander verbunden, welche die räumlichen Verbindungen erlebbar machen und ein regelrechtes "durchwandeln" ermöglichen. So entstehen auch doppelt hohe Innenräume mit Bezug zum Außenraum.
Die Einzelarbeitsplätze, Büros, dienende Räume sowie Fluchttreppenhaus und Aufzug sind in einer kompakten funktionalen Schiene parallel zur Bismarckstraße angeordnet. Die Bibliotheksmitarbeiter haben zwei getrennte Büros, von welchem im EG der Lesesaal 1 und im 2.OG die Lesesäle 2 und 3 leicht zu überblicken sind.
Im Innern herrscht eine klare Materialsprache, Sichtbetonoberflächen, Stahl-Glas-Konstruktionen und Akustikverkleidungen in MDF in Verbindung mit Teppichböden in den Freihandbereichen und Holzböden in den Büros und Arbeitsbereichen erzeugen eine leichte helle Atmosphäre.
Magazinbibliothek und Raritäten befinden sich geschützt vor Licht und Hochwasser im 3. Obergeschoß und sind durch die Treppen und den Aufzug von überall leicht zu erreichen.
Die WCs sowie die Technikbereiche befinden sich direkt am Aufzug im Untergeschoß.

Konstruktion und Fassade
Der Baukörper ist in Stahlbetonbauweise mit tragenden Stahlbetonscheiben, Stahlbetonstützen und unterzugslosen Flachdecken mit integrierter Heizung / Kühlung / Bauteilaktivierung konstruiert. Die integrierte Haustechnik erlaubt Sichtbetondecken ohne Abhangdecken im gesamten Gebäude.
Die Gründung ist eine Fundamentplatte, welche auf einer ertüchtigten Bodenschicht aufliegt.
Schutz gegen Hochwasser bietet die Kombination aus schwarzer und weißer Wanne der Bodenplatte und der erdberührten Außenwände.
Die Fassade besteht aus profilierten Sichtbetonfertigteilen mit flachen unregelmäßig breiten Aussparungen in welche wiederum in unregelmäßigen Abständen 3 verschieden breite Aluminiumhohlprofile eingelegt werden. Diese laufen über die Fensterflächen und Pfosten-Riegelfassade hinaus und schnüren alle 4 Fassaden der Kulturbibliothek zu einer Gesamttextur zusammen.
Das Zeichenhafte dieser Linearität lässt viel Spielraum für Assoziationen und Interpretationen und gibt dem Bau einen unverwechselbaren Charakter.

Haustechnikkonzept
Die kompakte Gebäudeform in Verbindung mit der Aktivierung der Betondecken und der dezentralen Lüftungsanlage bilden die Rahmenbedingungen für ein wirtschaftliches Gebäude mit niedrigen Betriebskosten. Der minimierte Raumbedarf an Technikflächen durch die Wahl des Lüftungssystems führt zu Einsparungen am gesamten Bauvolumen.
Die Frischluft wird über Fassadenlüftungsgeräte vorgewärmt ins Gebäude geführt, die verbrauchte Luft zentral am Technikschacht abgesaugt. über Wärmetauscher wird dabei die thermische Energie an das Gebäude wieder zurückgegeben.
Die großen Fensterflächen haben mit den außen laufenden Aluminiumprofilen einen festen Sonnenschutz.


Urteil der Jury

Der in der Art eines Parallelogramms leicht nach Westen geneigte Kubus des Hauptbaukörpers schließt nur im Erdgeschoss unter Ausbildung einer durch die Neigung rhythmisierten Fuge an den Bestand an. Die aus profilierten Sichtbetonteilen gefertigte Fassade umhüllt den Baukörper mit einer filigranen Textur, die über die Gebäudeöffnungen, insbesondere die große Fensterfläche im Westen, hinwegläuft und dem Gebäude so einen unverwechselbaren skulpturalen Charakter gibt, der zugleich einen lauten Auftritt vermeidet. Das Raumprogramm wird erfüllt und in einer überzeugenden Weise funktional gelöst. Zugang, Foyer und Bibliotheksbereiche sind klar und sinnvoll verteilt. Die Konzentration der Erschließungsbereiche an der Nordseite erscheint funktionell durchdacht. Zugleich ergeben geschickt eingesetzte Lufträume und Lichtschächte interessante Raumzuschnitte und Blickbeziehungen im Inneren wie auch zum Außenraum.
Der Versuch, vom Foyer eine Einsichtigkeit fast aller Geschosse zu ermöglichen, ist erwähnenswert, jedoch in der Funktion nur eingeschränkt nachvollziehbar. Hervorzuheben ist die gelungene Einbindung des Untergeschosses als Lesesaal. Das Gebäude löst die Aufgabe einer Fortführung der Bestandsgebäude an der Bismarckstraße auf selbstbewußte und eigenständige, also überzeugende Weise. Innerhalb der städtebaulichen Sichtachsen macht der Baukörper deutlich auf sich aufmerksam, ohne die Bezüge oder die Umgebungsbebauung zu negieren. Die Kennwerte bewegen sich leicht unterhalb des Wettbewerbsdurchschnitts und damit in einem positiven Bereich. Die überzeugende Verknüpfung von Funktionalität und städtebaulicher Gestaltung wird durch die Tatsache unterstrichen, dass die selbstbewußte Haltung des extravaganten Baukörpers dennoch in der Lage ist, sensibel mit dem Bestand umzugehen, ohne aufzutrumpfen. Die Investitionskosten übersteigen knapp die vorgegebene Kostenobergrenze, liegen jedoch unter dem Durchschnitt der eingereichten Beiträge. Hinsichtlich der Betriebskosten ist ein leicht überdurchschnittlicher Wert zu erwarten, aufgrund der 4 Fassaden (A/V-Verhältnis nicht ideal) und der Glasfassaden West und Süd. Die starke überhöhung der Ecksituation durch die leicht geneigte Fassade ist aus denkmalpflegerischer Sicht als problematisch zu bezeichnen.